Internationalisierung von Familienunternehmen

Verhaltensweisen, Strategien und Prozesse

 

Wachstum in internationalen Märkten entwickelt sich für viele Unternehmen immer mehr zu einem „must have“, um mit der steigenden Intensität des Wettbewerbs Schritt zu halten. Familienunternehmen stehen dieser Entwicklung in keiner Weise nach, wenn gleich auch unter anderen Voraussetzungen. Eine Reihe von Studien kommen etwa zu dem Schluss, dass Familienunternehmen über eine starke Risikoaversion gegenüber Internationalisierungsstrategien verfügen, wenig erfolgreich bei der Entdeckung von Möglichkeiten in internationalen Märkten agieren und stark auf die Abdeckung von lokalen Märkten fokussiert sind. Dementsprechend zeigt sich, dass Familienunternehmen weniger stark auf die Internationalisierung ihrer Geschäfte ausgerichtet sind und dabei zusätzlich langsamer als Nicht-Familienunternehmen handeln. Gerade auf Grund dieser Problemlagen ist eine tiefergehende Erforschung der zentralen Einflussgrößen der Internationalisierung von Familienunternehmen unabdingbar, insbesondere in Hinblick auf mögliche Schnittstellen mit Themen des Internationalen Managements sowie den praktischen Implikationen aus Internationalisierungen von Familienunternehmen.

Ein Blick in die Unternehmenspraxis zeigt, dass viele Familienunternehmen über erstaunliche Erfolge bei der Internationalisierung berichten und vielfach sogar „Globale Champions“ darstellen. Gegeben der herrschenden Skepsis in wissenschaftlichen Analysen zur Internationalisierung von Familienunternehmen ergibt sich daraus ein bemerkenswerter Widerspruch zwischen akademischer Forschung und Unternehmenspraxis. Dies liegt insbesondere daran, dass die Forschung zur Internationalisierung von Familienunternehmen noch ein sehr junges Forschungsfeld darstellt, während Familienunternehmen in der Praxis seit vielen Jahren erfolgreich in neue Länder vorstoßen.

An diesem Widerspruch setzt ein Forschungsteam des WIFU um Prof. Dr. Andrea Calabrò an. In jüngster Vergangenheit konnten gemeinsam mit Partnern aus der Familienunternehmenspraxis eine Vielzahl von Forschungsprojekten zu Verhaltensweisen, Strategien und Prozessen in der Internationalisierung von Familienunternehmen abgeschlossen und in führenden internationalen Fachzeitschriften publiziert werden. Aus der Sicht von Eigentümern und Geschäftsführern von Familienunternehmen wurden dabei insbesondere die folgenden Themengebiete als entscheidend identifiziert:

  • Die Heterogenität von Familienunternehmen und unterschiedliche Verhaltensweisen bei der Internationalisierung
    Familienunternehmen bilden keineswegs eine homogene Gruppe, sondern sind durch unterschiedliche Möglichkeiten der Einflussnahme der Familie (etwa durch die Eigentümerstruktur oder die Mitarbeit im Management) gekennzeichnet. Daraus ergibt sich eine große Vielfalt in strategischen Entscheidungsprozessen, insbesondere in Hinblick auf die Internationalisierung. Daneben weisen Familienunternehmen auch unterschiedliche Arten der emotionalen Identifizierung mit dem Unternehmen auf und sind in unterschiedlichsten Industriezweigen tätig, wodurch große Unterschiede in Bezug auf Verhaltensweisen bei der Internationalisierung zu erwarten sind.1. Meilenstein: Einen wichtigen Baustein für ein verbessertes Verständnis der Internationalisierung von Familienunternehmen bildet die Fokussierung auf die Unterschiede zwischen Familienunternehmen. Gerade da bislang keine einheitliche Definition eines Familienunternehmens vorliegt, ist zu erwarten, dass Familienunternehmen in ihren Verhaltensweisen, Strategien und Prozessen bei der Internationalisierung stark variieren.
  • Die Rolle unterschiedlicher Produkt-, Dienstleistungs- und Industrielebenszyklen
    Zusätzlich ist die Internationalisierung von Familienunternehmen und deren Planung insbesondere durch unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen geprägt, die auf den Heimatmärkten angeboten werden. Nationale wie internationale Märkte und Industriezweige unterliegen dabei immer höheren Dynamiken, wodurch sich Trends schnell verändern können und dementsprechend unterschiedliche strategische Herangehensweisen von Familienunternehmen erforderlich werden.2. Meilenstein: Für die Gewinnung eines besseren Verständnisses der Verhaltensweisen von Familienunternehmen in Internationalisierungsentscheidungen ist insbesondere ein Blick auf Unterschiede in deren Produkten und Dienstleistungen erforderlich. Daneben ist ein bedeutender Einfluss von Trends und Dynamiken in dem jeweiligen Wirtschaftszweig auf die internationale Expansion von Familienunternehmen zu erwarten.
  • Die Rolle von Netzwerken
    Familienunternehmen verfügen im Vergleich zu anderen Unternehmensformen über eine Reihe spezieller Ressourcen wie Vertrauen, Altruismus und Sozialkapital, die es für die Internationalisierung zu nutzen gilt. Diese Familienunternehmen-spezifischen Faktoren ermöglichen etwa ein verbessertes Konfliktmanagement in der Familie, schnellere Entscheidungsprozesse und die Entwicklung einer gemeinsamen Vision für den Internationalisierungsprozess. Daneben verfügen Eigentümerfamilien über bedeutende Verbindungen mit ihrer Umwelt, wie etwa familienfremden Geschäftsführern, Kunden, Geschäftspartnern, Regulierungsbehörden und Familien im Ausland. Durch solche Netzwerkverbindungen gestaltet es sich für Familienunternehmen einfacher, ihre Nachteile hinsichtlich vergleichsweise geringer finanzieller Ressourcen und Kompetenzen aufzuwiegen. Somit ist zu erwarten, dass sich aus der Ausgestaltung von Netzwerken mit Familienunternehmen im Ausland eine hohe Bedeutung für den Internationalisierungserfolg ergibt.3. Meilenstein: Die Bildung von Netzwerken mit Familienunternehmen im Ausland bildet für Familienunternehmen einen wichtigen Bestandteil zur Überwindung typischer Einschränkungen wie geringe Erfahrungen in ausländischen Märkten oder die eingeschränkte Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen. Familienunternehmen können von langfristigen Partnerschaften mit ausländischen Familienunternehmen profitieren, etwa wenn diese über geteilte Einstellungen bezüglich der Bedeutung des familiären Erbes und eine gemeinsame unternehmerische Vision und Wunsch zur Übergabe eines erfolgreichen Unternehmens an die nachfolgende Generation verfügen.
  • Die Rolle eines Generationenwechsels
    Neben der Rolle verschiedener Produkt- und Industrielebenszyklen stellt sich gerade in Familienunternehmen die Frage nach einem geordneten Übergang an die nachfolgende Generation. So ist etwa zu erwarten, dass sich die Bereitschaft und Fähigkeiten zur Auslotung und Umsetzung von Internationalisierungsstrategien deutlich zwischen inhabergeführten und mehr-generationalen Familienunternehmen unterscheiden, etwa weil die nachfolgende Generation von Familienmitgliedern über eine stärkere Neigung für internationale Expansionen verfügt oder Freiräume für Internationalisierungen schaffen möchte.4. Meilenstein: Der Generationenübergang markiert einen wichtigen Meilenstein in der Internationalisierung von Familienunternehmen. Es gilt neue Generationen von hoch qualifizierten und motivierten Familienmitgliedern behutsam in Internationalisierungsentscheidungen zu integrieren, um so von deren Wissen und Erfahrungen zu profitieren.

WIFU-Knowhow zum Thema:

  • Ansprechpartner: Prof. Dr. Andrea Calabrò
  • Projekte:
    Behavioral and Cultural Aspects of German, Indian and Chinese Family Firms
    Familienunternehmen in Indien
    Chinesische Familienunternehmen im kulturellen und sozialen Wandel
  • Weiterführende Literatur:
    – WIFU-Studie: Wachstumsmuster und Internationalisierung deutscher Familienunternehmen
    – Artikel:

    • Calabrò, A., Minola, T., Campopiano, G. and Pukall, T. (2016): Turning Innovativeness into Domestic and International Corporate Venturing: the Moderating Effect of High Family Ownership and Influence. European Journal of International Management. In press.
    • Kraus, S., Calabrò, A. and Mensching, E. (2016): Internationalization of family and non-family firms:
      A socioemotional wealth-based experiment among CEOs. European Journal of International Management. In press.
    • Calabrò, A., Brogi, M. and Torchia, M. (2016). What does really matter in the internationalization of small and medium-sized family businesses? Journal of Small Business Management, Vol. 54, Nr. 2, S. 679-696.
    • Pukall, T.J. and Calabrò, A. (2014): The Internationalization of Family Firms: A Critical Review and Integrative Model. Family Business Review, Vol. 27, Nr. 2, S. 103-125.
    • Calabrò, A., Torchia, M., Pukall, T.J. and Mussolino, D. (2013): The influence of ownership structure and board strategic involvement on international sales: The moderating effect of family involvement. International Business Review, Vol. 22, Nr. 3, S. 509-523.
    • Calabrò, A. and Mussolino, D. (2013): How do boards of directors contribute to the export intensity of family SMEs? The role of formal and informal governance mechanisms. Journal of Management and Governance, Vol. 7, Nr. 2, S. 363-403.
    • Pukall, T.J., Calabrò, A. and Huse, M. (2013): Governance-Mechanismen in Familienunternehmen: Inhibitoren oder Katalysatoren für die Internationalisierung des Unternehmens? ZfKE – Zeitschrift für KMU und Entrepreneurship, Vol. 61, Nr. 4, S. 243-263.
    • Calabrò, A., Mussolino, D. and Huse, M. (2009): The role of board of directors in the internationalisation process of small and medium sized family businesses. International Journal of Globalisation and Small Business, Vol. 3, Nr. 4, S. 393-411.